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menschen-am-fluss-18Wir hatten es nicht weit, wenn wir nach der Schule an den Rhein wollten. Und wir wollten fast immer, meine Freunde und ich – jedenfalls im Sommer. Wir mussten an einigen Kornfeldern vorbei, der Ziegelei, einem Wasserwerk, das sich um das Rheinwasser kümmerte, über den Deich rüber und dann rochen wir ihn zuerst und sahen ihn dann auch kurze Zeit später, den Rhein.
Eigenartig, in meiner Erinnerung gab es nur schönes Wetter damals. Es war warm, die Sonne bräunte unsere nackten Beine. Roggen und Weizen reichten irgendwie höher als heute. Wir konnten nur mühsam über die Ähren hinweg schauen. Und das Gezwitscher der Lerchen, die über dem Feld standen, höre ich noch heute und frage mich, wo sie eigentlich geblieben sind. Es summte und brummte überall – es war Sommer.
Damals konnten wir uns nicht vorstellen, dass unser Weg zum Rhein zwanzig Jahre später eine Autobahn sein würde, über die sich ein Verkehrsstrom auf die Brücke zuwälzt, die es damals auch noch nicht gab.

Am Rhein angekommen, breiteten wir unsere Decken aus, teilten die Butterbrote, die uns unsere Mütter mitgegeben hatten und überlegten, ob wir zuerst Fußball spielen und dann im Rhein baden sollten oder lieber umgekehrt. Manchmal entschieden wir uns auch für Ringkämpfe, besonders dann, wenn Mädchen dabei waren. Und es waren oft Mädchen dabei. Zum Beispiel die quirlige Roswitha mit ihren dunklen Augen und langen Wimpern, die kleine Ingrid, die immer etwas zu lachen hatte und die schwarzgelockte Barbara Weise, die in der Schule neben mir saß und in die ich unsäglich verliebt war. Sie erwiderte meine Liebe nicht. Aber das war auch nicht weiter tragisch und sollte mir noch häufiger im Leben passieren. Meine Freunde, die meist ein wenig kräftiger gebaut waren als ich, konnten schwimmen wie die Fische. Wenn sie des Rumbalgens überdrüssig waren, einigten sie sich auf ein langsam stromaufwärts stampfendes Schiff, sprangen ins Wasser, um die Schleppkähne zu entern, die das Riesenschiff hinter sich her zog. Meistens blieben sie unentdeckt, wenn sie übermütig in den Kähnen hin und her schaukelten und sprangen dann nach einer Weile wieder zurück in den Rhein, um sich mit der Strömung wieder genau an die Stelle des Ufers zurücktreiben zu lassen, wo mir inzwischen die Mädchen, die auch nicht mitgeschwommen waren, den körperlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern zu erklären versuchten. Auch wichtig, wie ich damals fand.

Was mich aber in jener Zeit doch noch ein wenig mehr faszinierte, war möglichst flache Rheinkiesel über das Wasser flitschen zu lassen. Ich hatte es zu einer ziemlichen Meisterschaft gebracht. Ich glaube neun Sprünge war mein Rekord, bevor der Stein irgendwo nach dreißig-vierzig Metern im Strom verloren ging. Oder ich schnitzte mit meinem Fahrtenmesser an Treibholz herum, stellte mir vor, dass es Boote seien, die ich von einer Rheinbuhne weit ins Wasser warf und ihnen minutenlang nachblickte, wie sie sich auf den Weg nach Holland machten. Ob sie wohl dort irgendwo in der Nordsee landen würden? Und dann nach Amrum weiter schwömmen, wo ich mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester in den Ferien sein würde? Ich nahm mir vor, dort die Augen offen zu halten.

So lernte ich, dass sich am Fluss alles bewegte, die Schiffe, die Steine, das Stück Holz, meine Freunde, einfach alles. Nichts blieb, wie es war. Das Wasser floss ohne Anfang und ohne Ende immer weiter. Wie die Zeit, die damals für uns noch keinerlei Bedeutung hatte. Sie war einfach da. Uhren hatten nur unsere Eltern und natürlich die Schule, die uns mit ihrer schrillen Glocke aus der Pause zurückrief. Aber am Fluss gab es für uns keine Zeit nur Veränderung. Panta rhei, sagte der griechische Philosoph Heraklit schon fünhundert Jahre vor Christus. Alles fließt. Und so ist es noch heute.

Layout 1

Menschen am Fluss sollte das Thema sein, das sich der Kunstkreis in Leverkusen-Hitdorf zum Thema gemacht hatte. Irgend jemand hatte wohl behauptet, Menschen, die am Fluss lebten, seien irgendwie anders. Wie anders, wurde nicht gesagt. Aber vielleicht würden mir meine Erinnerungen ein wenig weiter helfen. So bat ich einen kleinen Teil der Ausstellung mitgestalten zu dürfen. Im Türmchen am Werth, nahe der Langeler Rheinfähre in Leverkusen-Hitdorf ist nur wenig Platz für sechs AusstellerInnen. Es werden eine Vielzahl gemalter, Kombinationen aus gemalten und fotografierten Bildern, kleinen Plastiken gezeigt. Ich werde mit sechs schwarz-weißen Fotografien an der Wand und zwanzig ausgewählten Fotos in einer Mappe vertreten sein. Ein kleines Rahmenprogramm mit Musik und Lesungen soll die Ausstellung ergänzen. Das Programm finden Sie hier:

http://sankt-aldegundis.de/gemeinde_erleben/kunstkreis_st._stephanus/aktuelle-ausstellung/

Die Ausstellung läuft vom 6.11.2016 bis zum 8.1.2017. Sie ist immer sonntags von 14:30h bis 17:00h geöffnet. (Ausnahme 1. Weihnachtstag und Neujahr) Der Eintritt ist frei. Wir werden uns über jeden Besucher und jede Besucherin freuen.

 

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