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Ausgelöst durch jüngste politische Entwicklungen, nicht nur in unserm Land, scheint der Begriff Heimat wieder in Mode zu kommen. „Das ist nicht mehr meine Heimat“ tönt es aus Hunderten von Kehlen auf beliebigen Demonstrationen für und gegen irgend etwas. Und schon beginnen die politischen Parteien darüber zu räsonieren, was sie denn falsch gemacht haben könnten. Hilfe, wir sind ja plötzlich keine Volkspartei mehr. Die Wähler laufen uns weg, sie finden bei uns keine Heimat mehr. Und schon ist er wieder da, der Begriff Heimat. „Warum ist es denn deine Heimat nicht mehr?“ fragen die Demos begleitenden Reporter der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Die Antwort kommt dann zwar laut aber doch irgendwie verschrobelt rüber. Ich verstehe dann eigentlich meistens nur Worte wie „Ausländer, Flüchtlinge und nehmen uns alles weg“.
Bis vor einem Jahr gehörte der Begriff Heimat gar nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Ich brauchte dieses Wort überhaupt nicht. Wenn man mich gefragt hätte, wo meine Heimat ist, hätte ich vermutlich geantwortet, da, wo meine klitzekleine Familie ist und wo meine Freunde sind. Aber die Freunde sind, jedenfalls in meinem Fall, auch nicht gerade nebenan. Mit anderen Worten, ich täte mich schwer mit der Verortung meiner Heimat. Außerdem – Gott sei’s geklagt – es werden auch weniger. Aber es gibt ja Trost. Facebook ist ein riesiges Reservoir für neue Freunde. Ich glaube, ich habe jetzt 350. Es soll Leute geben, die haben über 1000. Wahnsinn! Aber bringt mich das weiter bei meiner Suche nach Heimat? Auch die 350 wohnen ja nicht in meiner Straße. Und helas! davon sind auch mehr als die Hälfte Ausländer! Sie sind sogar alle ganz nett. Bisher hat mir jedenfalls noch niemand etwas weggenommen. Nein, ganz im Gegenteil, regelmäßig versuche ich, mit schönen Fotos ihre Aufmerksamkeit zu erringen und siehe da, fast immer darf ich mich über 10-20 geschenkte Likes freuen. Das sind immerhin fast 5% von allen meinen Freunden. Also ist jetzt meine Heimat Facebook? Da wo die 10-20 auch sind? Wäre doch nicht schlecht, dann hätte ich wenigstens eine virtuelle Heimat.

Ich glaube, ich muss auf dem Weg, meine Heimat zu definieren, einen anderen Ansatz finden. Wie wär’s mit dem Rhein? Ich bin am Rhein geboren und habe fast mein ganzes Leben an diesem Fluss gewohnt. Er ist mir durchs Herz geflossen. Wenn man an seinem Ufer steht, lässt er die Zeit vergessen. Er fließt immer, mal mit weniger mal mit mehr Wasser. Es hört nie auf. Wie die Zeit, die auch nicht stillsteht. Es kommt immer etwas nach. Spitzfindig könnte man dagegen halten, dass das ja nicht für die Ewigkeit ist, man sich ja irgendwann von hier verabschiedet. Aber dem Rhein und der Zeit ist das egal, für sie geht es einfach weiter. Toll! Und wenn ich dann irgendwo am Ufer dieses schönen Stroms stehe und mit mir so viele andere Leute, mit schwarzer, brauner und weißer Hautfarbe, mit und ohne Kopftuch, die so oft in Sprachen reden, die ich nicht verstehe und die alle ihren eigenen Gedanken und Träumen nachzuhängen scheinen, dann habe ich das Gefühl, dass das meine Heimat sein könnte.

MENSCHEN AM FLUSS heißt die Ausstellung, die während der Leverkusener Kunstnacht (13.10.2017) in Leverkusen-Hitdorf, in der Kirche St. Stephanus gezeigt wird. Genau so heißt auch mein neues Fotomagazin, das Menschen nicht nur an Rhein und Main, sondern auch an Flüssen in Belgien (Schelde) und Frankreich (Loire, Seine, Somme, Sorgue) zeigt. Alle diese Menschen, denen ich begegnete, hatten ihre Heimat an einem Fluss gefunden.
Das Magazin ist online unter diesem Link zu beziehen:

Menschen am Fluss 2. Ausgabe
von Frieder Zimmermann
von Flüssen und Menschen, die an ihnen leben.
86 Seiten mit 119 schwarz-weißen und farbigen Fotos
Preis: Euro 18,00 plus Versand.
Bestellung über den Link auf dieser Seite

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