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Eigentlich ist die Überschrift schon falsch gewählt. Ich sollte schreiben, mit Melinda (Name geändert) in Dubai essen gehen. Melinda hat abends immer Hunger. Das ist ja eigentlich normal, bei ihr aber noch normaler, weil sie nämlich morgens nicht frühstückt und mittags vermutlich nicht viel mehr isst als einen Salat oder was Frauen sonst so zu sich nehmen, wenn sie rank, schlank und fit sind.  Das weiß ich aber nicht so genau.

„Wärt ihr mit einem afghanischen Restaurant einverstanden? Oder lieber einem irakischen, ein Syrer ist auch nicht weit.“ Ich versuche diplomatisch zu bleiben. Melinda, lass uns das nächste nehmen, Du hast Hunger. Wäre ja auch Quatsch, zwischen drei Restaurants zu wählen, deren Küche ich sowieso nicht kenne. Wir nehmen ein indisches. „Da vorne ist auch ein Italiener, wollt ihr lieber dort hin?“ Sie schaut mich ein wenig über den Brillenrand an und ich interpretiere ihren Blick mehr als Bitte. „Jetzt komm nur nicht auf den Gedanken, Ja zu sagen.“ Ich sage „Nein“. Wir lassen uns einen Tisch auf der Terrasse zuweisen. Es ist wunderschön, die Temperaturen sind angenehm, kaum ein Lüftchen rührt sich. Über uns erkenne ich den großen Jupiter und der Kellner bringt die Speisenkarten. In Westeuropa sind wir auch internationale Restaurants gewohnt, zumindest in den größeren Städten aber hier am Golf sind sie halt anders international. Für mich macht es auch wenig Sinn, stundenlang die Namen von indischen Gerichten zu studieren, unter denen ich mir sowieso nichts vorstellen kann. Es widerstrebt mir zwar irgendwie in meinem antiquierten Rollenverständnis, den Dialog mit dem Kellner allein der viel jüngeren Melinda zu überlassen aber ich glaube, es ist eine weise Entscheidung. Erstens spricht sie flüssig alle im nahen Osten gefragten Sprachen und zweitens kennt sie sich nach sieben Jahren auch gut damit aus, das angebotene Essen auf der Speisenkarte so zu modifizieren, dass am Schluss scheinbar etwas ganz anderes auf den Tisch kommt als in der Karte angeboten wurde.
„Ich muss hier immer alles entscheiden“, beklagte sie sich mal bei anderer Gelegenheit, „beruflich und privat, manchmal habe ich dazu keine Lust mehr.“ Ihre Augen verdunkeln sich ein wenig. Ich wusste, was sie meinte und dass damit nicht nur der Bestellvorgang beim Essen gemeint war. Ich schwieg. Dennoch schämte ich mich ein wenig. Es wäre mir ja auch anders lieber gewesen.
Melindas Bestellvorgang hat etwas Rituelles an sich. Zunächst wird der Kellner mal nach seinem Vornamen gefragt. Er trägt zwar in der Regel ein Namensschild aber die Aussprache verändert ja auch einiges. Außerdem entsteht sofort eine gewisse Vertrautheit. „Where are you from?“ In den Vereinigten Arabischen Emiraten eine durchaus interessante Frage, denn 80% der Leute, die hier leben, kommen irgendwo her auf dieser Welt. Ich verdränge den Gedanken, dass wir in Deutschland wahrscheinlich einfach noch nicht genug Fremde im Land haben, um es normal zu finden, dass man auch anders sein kann als deutsch. Melinda stellt uns als deutsche Besucher vor, was mit einem freundlichen Lächeln quittiert wird aber sonst keine weitere Beachtung findet. Welche auch?
Alle  Speisen werden diskutiert und auf Verträglichkeit mit den diversen Allergien geprüft. Da kann es schon mal etwas komplizierter und Nachfragen in der Küche nötig werden. Der Entscheidungsprozess beginnt erst jetzt. Nicht jeder entscheidet für sich, wie es bei uns üblich wäre, sondern die Kunst ist es, einen gemeinsamen Willensbeschluss für das gesamte Essen herbei zu führen, in dem möglichst wenig Kompromisse gemacht werden müssen. Doch spätestens, wenn der Küchenchef nach einiger Zeit intensiven Consultings persönlich am Tisch erscheint, nähert sich der Entscheidungsprozess seinem Ende. Das ganze Procedere kann gut und gerne mehr als eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Melinda bestellt die Portionen immer so, dass wir für drei bequem mit zwei irgendwie modifizierten Gerichten gut bedient sind. Sie bedeutet den Kellnern alles in die Mitte des Tisches zu stellen. We’ll share everything“ und jeder beginnt sich das zu nehmen, was seinen Vorstellungen am nächsten kommt. Man ist gut beraten, sich nicht schon vorher an dem riesigen arabischen Fladenbrot satt zu essen, das für meinen Geschmack häufig etwas fade schmeckt. Es könnte sonst  später etwas schwierig werden, denn hungrig steht keiner vom Tisch auf. „Übrigens, wenn ihr satt seid, könnt ihr ruhig den Rest auf dem Teller lassen. Es gibt im nahen Osten kein Junktim zwischen leer gegessenem Teller und Sonnenschein am nächsten Tag wie in Deutschland.“  Das klingt in einer Wüstengegend irgendwie logisch. „Außerdem gibt man hier, wenn man den Teller leer gegessen hat, dem Gastgeber das fatale Signal, dass es nicht genug war.“ Man kann sich vorstellen, wohin das führen kann.  Inzwischen ist es bei uns allenthalben üblich geworden, sein Essen zu fotografieren. Vor allem dann, wenn der Koch sich größte Mühe gegeben hat, relativ wenig auf einem großen Teller drapiert auch optisch zu einem Kunstwerk werden zu lassen. Diese Art von Kunstverständnis ist mir in keinem der Restaurants aufgefallen, in denen wir waren. Es fühlte sich für mich mehr an wie gute Hausmannskost bei Freunden. Schmackhaft und genug. So zeigt das angefügte Bild auch nicht den Beginn des Dinners in einem ausgezeichneten irakischen Restaurant, sondern das Ende. Man sieht, es war genug da und alle sind satt.

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