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Nein, wir sind es nicht gewohnt, ohne klare Zukunftsperspektive zu leben. Wir wollen wissen, was die nahe oder weite Zukunft für uns bringt. So einfach in den Tag hinein leben? Das geht doch nicht. Muss ich jetzt die geplante Urlaubsreise absagen? Ich habe doch schon vor einem Jahr gebucht. Ich muss wissen, ob ich Freunde zu meinem Geburtstag einladen kann. Das braucht ja Vorbereitung. Und was ist mit der Hochzeitsfeier unserer Tochter? Die Politik muss jetzt aber endlich … Das geht doch nicht, dass jedes Bundesland andere Regeln erlässt… Und die Virologen sagen jeden Tag etwas anderes, räsonniert Herr Lindner in Frau Illners Talkshow. Man weiß ja bald gar nicht mehr, wie man sich verhalten darf. Da muss doch mal jemand … Die Wirtschaft bricht zusammen…. Die Arbeitslosigkeit …. Der Schrei nach dem starken Mann, der starken Frau ist schon undeutlich zu vernehmen. Und wenn man in die „besorgten“ Gesichter der führenden Politiker schaut, die sich ein tägliches Stelldichein auf bundesdeutschen Fernsehschirmen geben, dann ahnt man, dass sie keinen Plan B in der Tasche haben. Einen Plan B? Für was?

Mir ging diese Frage durch den Kopf, als ich vor kurzem in der hohen Phase des Lockdowns mit dem Fotoapparat durch meine Stadt, Köln, schlenderte. Die wenigen Menschen, denen ich begegnete, machten einen höflichen Bogen um mich und ich um sie. Wir zuckten die Achseln, lächelten uns an. „So haben wir die Hohe Straße alle noch nie gesehen“, meinte einer, der mir aus gebührendem Abstand zusah, wie ich die sonst völlig übervölkerte Fußgängerzone fotografierte. Ich ging runter zum Alter Markt, lief durch die engen Gassen der Altstadt – Überall die geschlossenen Kneipen, die normalerweise schon tagsüber brechendvoll sind. Die Wirte, die die Stühle ihrer Außengastronomie auf den Straßen mit einem Seil gegen unbefugte Benutzung gesichert hatten, wissen nicht, wann sie wieder öffnen dürfen.

Für was einen Plan B? Mich lässt die Frage nicht los. Was ist eigentlich, wenn die Wirtschaft nicht wieder so anläuft, wie wir es uns wünschen? Was ist, wenn sich in den Wochen des Lockdowns die Menschen verändern? Wenn ihnen plötzlich alte Gewohnheiten nicht mehr so wichtig erscheinen wie vorher? Wenn sie es sich abgewöhnt haben, ihre Wohnungen mit nutzlosem Krempel voll zu rümpeln, wenn sie in den Wochen des ans Haus gefesselt sein, gelernt haben, dass selbst gekochtes Essen besser schmeckt als Döner und Big Macs? Was ist, wenn ihnen plötzlich der blaue Himmel des diesjährigen Aprils gefällt und sie selbst in Köln wieder nachts Sterne sehen können? Was ist, wenn in ihnen die Einsicht reift, dass ihre Kinder, die sich freitags der schulischen Bildung verweigern, doch Recht haben könnten und alsdann auch den Konsum verweigern?

Ja, was machen wir dann? Wohin stellen wir dann die vielen neuen Ford’s, die der Kölner Autobauer ab Montag wieder zu bauen beabsichtigt, wenn die Stadt inzwischen die Fahrradwege so breit gemacht hat, dass man mit dem Auto nicht mehr in die Stadt kommt? Stellen wir sie auf die Rollbahnen des Kölner Flughafens? Da ist kein Platz, da stehen schon die Maschinen von German Wings. Die bringen auch niemanden mehr in sogenannte Urlaubsparadiese. Denken wir mal weiter, nur so aus Spaß. Was machen wir dann mit den Shopping malls, wenn dort plötzlich große Leerstände entstehen, nur weil sich die Menschen dem Konsum verweigern? Gibt es schon Architekten, die zusammen mit Soziologen Konzepte entwickeln, wie wir Shopping malls zu Orten gedeihlichen Zusammenlebens gestalten? Was machen wir, wenn Unternehmen während des Lockdowns gelernt haben, dass die Dezentralisierung der Büroarbeit ungeheuere Kostenvorteile mit sich bringt? Werden dann die frei werdenden Büroflächen zu unbezahlbaren Luxus-Wohnschachteln umgebaut, wie bereits geschehen (Gerling-Viertel)? Oder schaffen wir es, den Pflegekräften, den Feuerwehrleuten, den Supermarktkassiererinnen, denen man in der letzten Zeit von Hinterhof Balkonen Applaus gespendet hat, endlich zu auskömmlicher Bezahlung zu verhelfen. Es wäre ja schön, wenn auch sie sich unsere Stadt wieder leisten könnten. Ach, ich hätte noch sehr viele Fragen für den Fall, dass das Virus uns  nachhaltiger verändert hat, als wir es im Moment wahrhaben wollen. Aber, da gibt es ja auch noch die beiden kölschen Grundgesetze: „Et hätt noch immer joot jejange un et bliev wie et es!“ Die Politiker brauchen keinen Plan B. Schade.

Alle Fotos © Frieder Zimmermann | Alle schwarz/weiß Bilder auf Film HP5